[Kurzgeschichte] „Rosenkriege“

Passend zum Valentinstag morgen hier eine Kurzgeschichte von mir. Im Februar 2014 geschrieben, wurde dieses 2015 in der Anthologie „Coole Mädchen, Große Liebe“ veröffentlicht. Da der Verlag mittlerweile geschlossen hat, und das Buch vom Markt genommen ist, teile ich sie mit Euch auf diesem Wege – ich hoffe, Ihr habt etwas Spaß an der Geschichte :).

 

Rosenkriege

„Ihr Ende fanden die Rosenkriege in der Schlacht von Bosworth Field, als Henry Tudor die Truppen Richard III. schlug und als Henry VII. den Thron bestieg. Durch seine Heirat mit Elisabeth of York vereinte er schließlich die beiden Linien und beendete die jahrzehntelange Spaltung Englands.“
Anerkennend schaute ich auf. Maries Auffassungsgabe überraschte mich stets aufs Neue – in weniger als einer Stunde hatte ich ihr alles beigebracht, was ich über die Rosenkriege wusste. Mit einem leichten Seufzer schloss ich mein Buch und lächelte sie an. „Wird schon schiefgehen.“
Wir erhoben uns gleichzeitig und sie warf sich in einer eleganten und fließenden Bewegung ihre Tasche über die Schulter. Ich hatte mir immerhin dieses Mal nicht das Knie an der Tischkante gestoßen – eine massive Verbesserung zu unserer letzten Lernstunde. Maries Gegenwart brachte mich immer aus dem Konzept und machte aus mir einen ungeschickten und tollpatschigen Trottel.
Wobei ich ehrlicherweise zugeben muss, dass ich auch sonst nicht gerade das Selbstbewusstsein und die Ausstrahlung eines Liam Hemsworth besaß. „Bis gleich. Ach ja, und danke“, flüsterte sie und hauchte mir im Vorbeigehen mit ihren rubinroten und samtweichen Lippen einen Kuss auf die Wange. Bitte lass meine Knie nicht zittern, flehte ich in Gedanken und schaffte es immerhin, bis sie sich umgedreht hatte. Ich seufzte und folgte ihr mit meinen Blicken, bis sie die Cafeteria verlassen hatte. Es schien wirklich ein guter Tag zu werden. Zumindest bis ich versuchte, ebenso schwunghaft meinen Rucksack über die Schulter zu werfen und dabei seinen kompletten Inhalt auf den Boden schüttete. Achselzuckend begann ich meine Sachen vom Boden aufzusammeln – es hätte deutlich schlimmer kommen können. Wenn sie nur wüsste, wie sehr mich ihre gehauchten Küsse und freundschaftlichen Umarmungen immer aus der Fassung brachten.
„Weiß Marie eigentlich, dass du sie liebst?“
Ich schaute verwirrt auf. Paul – mein bester Freund, und der Einzige, dem ich meine Liebe gestanden hatte, stand neben dem Tisch. „Nein. Und das wird auch so bleiben“, sagte ich seufzend. So sehr es auch schmerzte und mich innerlich zerriss, so glücklich war ich auch darüber, ‚nur‘ ihr Freund zu sein. Die vielen gemeinsamen Stunden und die tollen Erlebnisse miteinander und ja, auch die flüchtigen Berührungen hier und da. Schon erbärmlich, womit ich mich zufriedengab, resümierte ich mit einem vernichtenden Urteil über mich. „Wie du meinst“, bemerkte Paul. „Aber wenn du so weitermachst, befürchte ich, gehst du noch irgendwann vor die Hunde.“ Ich verschwieg, dass ich das ebenfalls befürchtete, um die Diskussion nicht weiter anzuheizen. Auch wenn ich wusste, dass er recht hatte, so konnte und wollte ich doch nichts ändern, aus Angst Marie zu verlieren. „Ich schaff das schon. Ich muss los, Geschichte, bis später“, antwortete ich lediglich und warf mir meinen Rucksack, dieses Mal etwas behutsamer über die Schulter.

Einige Minuten später begann der Geschichtsunterricht wie angekündigt mit einem Test über das englische Mittelalter. Während alle darüber fluchten, dass unser neuer Lehrer ein Faible für außerlehrplanmäßige Geschichtsepochen hatte, war das für mich ein unverhoffter Glücksgriff im neuen Schuljahr geworden. Meine Leidenschaft für Geschichte war es gewesen, die Marie, eine sonst exzellente Schülerin und früher eher flüchtige Bekannte als richtige Freundin, dazu brachte, einmal wöchentlich in unserer gemeinsamen Freistunde vor dem Geschichtskurs das Thema der Woche durchzusprechen. Mittlerweile trafen wir uns auch, wenn es gar keine neuen Themen gab, und redeten über Gott und die Welt. Ich hatte mich schon seit ihrem Schulwechsel letztes Jahr zu Marie hingezogen gefühlt. Aber spätestens seit unserem ersten längeren Treffen war ich ihr hemmungslos und hoffnungslos verfallen.
Ich sah von meinem Blatt auf und starrte Marie an, die zwei Reihen vor mir saß. Wie hübsch sie doch war. Ihr schulterfreies rotes Top war hinten tief ausgeschnitten und gewährte einen Blick auf ihren makellosen, elfenbeinfarbenen Rücken. Und als ob sie diesen Anblick nicht stören wollte, hatte sie ihre atemberaubenden blonden Haare zu einem kunstvollen um den Kopf gewickelten Zopf geflochten. Und auch wenn ich es leider von meinem Platz nicht sah, so konnte ich mir lebhaft vorstellen, wie sie mit gerunzeltem Gesicht – süß auf ihrer Lippe kauend – über den Fragen brütete.
„So und jetzt konzentrieren wir uns alle wieder auf den Test.“ Die Stimme des Lehrers riss mich zu meinem Bedauern in die Wirklichkeit zurück. Erschrocken stellte ich mit einem Blick auf die Uhr fest, dass mittlerweile rund fünf Minuten vergangen waren. Mit leicht gerötetem Kopf schaute ich mich verstohlen um, ob jemand außer Herrn Franek bemerkt hatte, wie unverhohlen ich Marie angestarrt hatte. Doch nur Paul, der zwei Tische neben mir saß, schaute in meine Richtung.
Ich seufzte erleichtert und sah verblüfft, wie Herr Franek mir zuzwinkerte. Auch wenn ich mich fast nie im Unterricht beteiligte, hatte mich mein Interesse für Geschichte wohl zu seinem Lieblingsschüler gemacht, und gerade in den letzten Wochen hatten wir öfters vor und nach den Unterrichtsstunden über die Rosenkriege debattiert. Er als Anhänger des Hauses York, ich als glühender Lancastrianer, was wohl auch an den Romanen von Rebecca Gablé lag. Und wie es Marie vorhin treffend formuliert hatte, schlussendlich hatte das Haus Lancaster auch gewonnen, stellte ich mit einem süffisanten Grinsen fest und richtete meinen Blick wieder auf den Test. Die fehlenden Minuten machten mir nicht wirklich zu schaffen, ich beantwortete die restlichen Fragen in Windeseile und hatte zum Schluss der Stunde sogar noch die Zeit, eine rote Rose auf das Blatt zu malen. Einerseits, weil ich seit Monaten in dieser depressiv-melancholisch-verliebten Stimmung festhing, andererseits, weil diese das Symbol des Hauses Lancaster war – diese Spitze konnte ich mir nun wirklich nicht verkneifen. Als ich am Ende der Stunde als Letzter nach vorne ging, um meinen Test abzugeben, nahm mich Herr Franek nach einem beiläufigen Blick auf den Test zur Seite, wobei er die gezeichnete Rose mit einem Stirnrunzeln quittierte. „So kann das nicht weitergehen mit dir. Du gehst mir noch vor die Hunde.“ Ohne es zu wissen, benutzte er fast die gleichen Worte wie Paul vorhin, um mich auf meine missliche Lage hinzuweisen. Nur, dass er es nicht dabei beließ. „Ich weiß, ich bin als gescheiterter Single nicht wirklich der, von dem du Ratschläge annehmen solltest. Aber vielleicht denkst du ja mal bis zur nächsten Geschichtsstunde drüber nach, ob du wirklich so weiter vor dich hinträumen und vegetieren willst. Das ist doch kein Leben, Junge. Mensch du bist fünfzehn – du sollst das Leben genießen und nicht schon in dem Alter als melancholischer Zyniker enden.“ Anscheinend selbst erschrocken von dem Ausbruch verließ Herr Franek schnell das Klassenzimmer und ließ mich etwas geschockt und grübelnd zurück.

Zwei Tage später, am Valentinstag, wie ich gefrustet feststellte, hatten wir unsere nächste Geschichtsstunde. Und ich sollte sogleich erfahren, was Herr Franek mit seiner Ankündigung gemeint hatte, ich solle doch mal über mein Leben nachdenken und die Initiative ergreifen.
Nach einer spannenden und interessanten Geschichtsstunde – wobei ich der Einzige zu sein schien, der dem Unterricht wirklich Beachtung schenkte, gab unser Lehrer uns die korrigierten Tests zurück. Ich brauchte meinen nicht einmal umzudrehen, um zu wissen, dass ich die volle Punktzahl erreicht hatte. Doch als Herr Franek dann plötzlich eine rote Rose hervorzauberte, erfüllten sich meine schlimmsten Befürchtungen. „Nun denn. Heute ist ja bekanntlich Valentinstag. Und wenn ich mir den Test so anschaue, wissen zumindest einige von euch auch, dass das Haus Lancaster die Rosenkriege gewonnen hat. Und was wäre passender, als den besten Test mit einer roten Rose, dem Symbol des Hauses, zu belohnen.“
Ich stöhnte innerlich. Bestimmt hatte ich ihn mit meiner gekritzelten Rose auf dem Test überhaupt erst auf diese Idee gebracht. Natürlich war mir klar, dass ich die Rose bekommen würde. Und wenn ich am Valentinstag nicht als der größte Depp rüberkommen wollte, musste ich sie weiterverschenken. Was sollte ich schon mit einer roten Rose? Als Herr Franek die Rose auf meinen Tisch legte, steckte er mir unauffällig einen Zettel zu. Lediglich eine Zeile stand in seiner fein säuberlichen Handschrift drauf: Zeig, dass Du in der Lage bist, Deinen persönlichen Rosenkrieg zu gewinnen.
Natürlich reichte ich die Rose nicht sofort weiter. Ich hasste es, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen, und nahm meinem Lehrer immer noch übel, dass er mir die Rose nicht erst nach der Stunde überreicht hatte. Doch das war noch nicht seine letzte Überraschung gewesen.
Nachdem sich die allgemeine Aufregung über die Tests gelegt hatte und die Stunde offiziell beendet war, rief er Marie zu sich, um mit ihr kurz über ihren Test zu reden, der wie ich im Vorbeigehen bemerkte, ebenso fehlerfrei war wie meiner. Erstaunt blieb ich stehen.
„Tja, Marie, was soll ich sagen. Mit diesem Test hättest du dir eigentlich auch eine Rose verdient“, begann er. Dann sah er mich an und fragte: „Findest du nicht auch?“
Ich war völlig überrumpelt von der Frage. Dass Herr Franek sofort ging, ohne eine Antwort abzuwarten, machte die Sache nicht besser. Mir wurde abwechselnd heiß und kalt. Nervös stellte ich meinen Rucksack ab und versuchte krampfhaft, die Kontrolle über mein Denken und über meine Hände wiederzuerlangen. Schlussendlich gab ich mir einen Ruck, sah Marie in die Augen und gab ihr die Rose. „Nun denn, frohen Valentinstag. Irgendwann hättest du es eh erfahren.“ Ich schluckte. „Und bitte, lass uns trotzdem weiterhin Freunde bleiben und so tun, als ob nichts …“ Mitten im Satz stockte ich. Marie hatte mir ihren Finger auf die Lippen gelegt.
„Danke“, sagte sie schlicht und hauchte mir einen zarten Kuss auf die Lippen. Nur mühsam blieb ich bei Bewusstsein. Das hatte ich mir stundenlang ausgemalt. „Sehen wir uns nach der Schule im Park?“
Unfähig zu sprechen nickte ich nur.
„Bis dann“, verabschiedete sie sich und schenkte mir ein strahlendes Lächeln, die Rose fest in ihrer Hand.
Glücklich setzte ich mich auf den Boden und starrte an die Wand.
Sekunden, Minuten, Stunden später – ich hatte jegliches Zeitgefühl verloren, kam Herr Franek zurück und lächelte mich an. „Gut gemacht, Henry. Du machst deinem Namen alle Ehre.“
Der Vergleich mit Henry of Lancaster holte mich in die Wirklichkeit zurück. Mit einem Blick auf die Uhr stellte ich fest, dass ich doch erst seit etwas mehr als zehn Minuten am Boden saß.
„Jetzt aber zurück zum Unterricht“, ermahnte er mich und ich spurtete in meinen Biologiekurs. Die Vorhaltungen der Lehrerin hörte ich mir gar nicht an und setzte mich auf meinen Platz. Ich schien über allen Wolken zu schweben. Den restlichen Tag dachte ich nur noch daran, wie es sein würde, Marie nach der Schule zu sehen. Meinen Tag, ja mein ganzes Leben mit ihr zu teilen. Ich beschloss, dass das heute der erste Tag meines neuen, meines besseren Lebens sein würde. Und dieses Mal würde das auch für immer halten. Versprochen.

Ich wünsche allen einen schönen Valentinstag!

Liebe Grüße,
Erik

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